0224

Wir sind neugierig.
Wir kapern alle Geheimnisse, die Wahrheit ist die Mutter des Vertrauens.
Wir wringen uns die Augen aus, der Zahn schlägt seine Zeiten in unsere Köpfe.
Wir drucken die Lügen der einen in die Gesichter der anderen.
Wir glauben und wir beten, Hoffnung ist eine wilde Horde ängstlicher Gespenster.
Wir projektieren, wir kopieren.
Wir kapern fremde Leben und füllen leere Gefässe mit gestohlenen Momenten.
Wir ziehen und wir zerren, wir stolpern und wir schreien.
Wir kleben in unserer Haut und wir möchten oft genug aus ihr heraus.
Wir klagen und wir weinen, die Trauer ist ein enger Kloss, den es zu schlucken gilt.
Wir lachen, wir vergessen. Weil wir vergessen wollen.
Wir lieben und wir konsumieren. Die Sucht ist eine gnadenlose Göttin, die uns verfolgt.
Wir reisen und wir denken, wir reden und wir versprechen. Oft verstehen wir nicht.
Wir schlafen, wir atmen. Die Luft ist ein flüchtiger Bekannter, den man achten sollte.
Wir sind süchtig nach unseren Gedanken, wir laufen ihnen davon.
Wir sind nüchtern, wir sind langweilig und langstielig. 
Wir sind überheblich, wir bestimmen die Länge einer Sekunde.
Wir sind vermessen, wir unterdrücken und wir ergeben uns.
Wir sind schlau. Wir sind voller Gefühl. Und doch übersehen wir uns ständig. 
Wir sind wie wir sind. Wir sind viele Blätter. Und das Blatt wendet sich.

0223

Ich weiß nicht ob Du dich erinnerst.
Als wir noch zusammen waren, wie aus einem Stück gegossen.
In Gedanken, der Raum in zwei weite Hälften geteilt.
So schaue ich Dir hinterher, wenn Du Deinen letzten Weg gehst.
So einen bist Du noch nie gegangen. Von dort ist keiner heimgekehrt.
Denn Heimat ist dort, wo es nach Erinnerungen riecht. 
Wo man Dich grüsst, wenn Du es nicht erwarten würdest. 
Wo man nach Dir fragt, wenn sich keiner mehr zu fragen traut.
Wo man Dir auch nach Mitternacht noch die Türen aufhält.
Wo man sich nach Dir sehnt, kurz nach einem letzten Wiedersehen.
Wo man Dir eine Träne nachweint, obwohl es keine Tränen mehr gibt.
Wo man für Dich sterben, wo man für Dich zum Mörder werden würde.
Wo man an Deinem Schatten sehen kann, wie es Dir geht.
Wo man Dich nicht aufgibt.
Wo Dich jeder am Klang Deiner Stimme, am Lachen erkennt.
Wo man Dich immer wieder trifft, obwohl es Dich nicht mehr gibt. 
Nur Dein Wille geschieht.

0222

Drei Käse hoch stapelt sich die Feuerkraft
und am Steuerrad lauter Kapitäne,
der Wind setzt seine Segel.
Am Wegesrand lagern leere Frachträume,
als Resonanzkörper getarnt und am liebsten ist man unter sich.
Der blinde Passagier sieht den Trittbrettfahrer nicht,
von hier an bleiben alle Scheiben beschlagen,
das Aroma einer zufälligen Begegnung belebt den Gaumen.
Voller Harmonie recken die üblichen Verdächtigen ihre Hälse,
der Waffenstillstand wird neu verhandelt
und unter den Nägeln brennt eine Neugierde,
die selbst Vorhänge entzünden kann.
Man sagt, vom Regen in die Taufe.
Obwohl die letzte Fahrt auch eine schöne Reise sein kann,
vom Aroma her eher rauchig,  
hat man am Ende des Tages immer noch den Duft seiner Bewegungen in sich,
die Qual der Entscheidungen.
Gerade die, die nicht getroffen wurden.
Zu den Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

0221

Du sprühst vor Energie.
Wer sich traut, das Licht zu hobeln, der wird feuertrunken auferstehen.
Und doch entzündet sich an den Funken die Freude der Götter,
ein bunter Blumenstrauss wird durch die Nacht gereicht,
ich grabe ihm hinterher und greife als Mittel zur Flucht.
Vergesslichkeit zersiebt den Blick,
bunt tanzen die Glaswürmer auf meiner Nase herum.
Eine Augenweide.
Die Buschtrommeln verbreiten sich wie ein Lauffeuer,
ein Täuschungsmanöver, bei dem die Wahrheit auf einer Achse ruht.
Daraus entbrennt eine Motivation, deren Ursprung sich am Rand einer Gesellschaft spiegelt.
Ich fische mir noch ein gutes Dutzend Glasstäbe aus der Nacht
und steige durch die Hintertür in meine Träume.

/leserstimmen

„Sehr schön, ich mag diese Sinnakrobatik, wirkt luftig und befreiend zugleich.“
(Proteus)

„Um projeto muito interessante e diferente que anda num limbo difícil de contextualizar. Refrescante!!!“
(João)

„Den Kalender hab ich mir genau angesehen, sehe aber leider keine Möglichkeit das auszustellen. Die Fotografien für sich genommen überzeugen mich nicht, und Texte sind prinzipiell schwer ausstellbar.“
(André)

„Dazu fällt mir absolut nichts ein.“
(Christoph)

„Matuschinski berührt mich, wo ich nicht so berührt werden möchte. Ich brauch‘ grad was Lustigeres! Aber tolle Fotos.“
(Jan)

„Hervorragende Texte.“
(Ewa)

„Schön und traurig.“
(Britta)

„Genialisches Projekt. Passt in keine Schublade. Große Klasse. Erste Liga.“
(Peter)

„Mittlerweile fühle ich mich provoziert und verarscht!“
(Ulrike über das Promoschinski-Video)

„Wunderschön!“
(Sanne)

„Starke Worte!“
(Matthias)

„Ich finde es einfach nur blöd!“
(Ursula)

„O espanto surge na magia do detalhe que me abraça pelo poder da imagem e me leva num sonho, não planeado, pela força da palavra. ADORO. Trabalho excelente que me faz querer ver, ver, ver mais e mais, e me deixa curiosa: que virá a seguir?!“
(Laura)

„Schön, die vielen verschiedenen Stimmen zu hören. Was ich von den Texten halten soll, weiß ich nicht. Aber schlecht sind sie nicht.“
(Anke)

„Poetry Slam meets Modern Art. Erfrischende Abwechslung im Einheitsbrei sonstiger Blogs.
Chapeau messieurs!“
(Jens)

„Das ist großartige Poesie! Bitte 1.000.000 Aufrufe !!!!!“
(Susanne)

„Die Gedichte und Fotos können einen süchtig machen!“
(Elke)

“Also, der Matuschinski, das ist nicht so meins … zu schnodderig und oft so gewollt intellektuell … nee, nee!“
(Barbara)

„Großartig!“
(Arne)

„VERY COOL!“
(Paul)

„Correspondances! Jam session projetée sur l’écran, ping-pong improvisé entre l’oeil et le verbe … Matuschinski, tu dévores la vie à pleines dents!“
(Céline)

„Tolles Projekt!“
(Lutz)

„Gefällt mir gut!“
(Stefan)

„Ah— beautiful and cruel language! [ … ] what i totally like is your HYPERPERSONAL approach to the things, to photography, art if you will. [ …] In this era, pictures only mean nothing. They are with too much. Hurdles of them. They blind us. Stories, I want them. You give them.“
(Reyer)

„Ich find’s eigentlich ganz cool …“
(Anne)

„Außergewöhnliches Strickmuster [ … ] ein Feuerwerk von messerscharfen Fotos [ … ] mit prallem Humor eingerahmt in ebenso poetische Texte [ … ] weckt die Neugierde [ … ] Gelungenes Kunstprojekt. [ … ] Da haben sich 2 gefunden. Was bestimmt auch Verleger und Liebhaber findet. Weiterstricken!“
(Ulrike)

Hinweis:

Alle obenstehenden Leserstimmen sind echt und haben uns auf verschiedenen Wegen genauso erreicht.

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0220

Du bist völlig aus dem Häuschen,
obwohl der Platzwart meint,
dass es uns an schönen Plätzchen nie gemangelt hat.
Ich flehe dich an, in der Natur der Dinge liegt auch eine gewisse Natürlichkeit.
Bevor wir hier einen Platzverweis bekommen,
geniesse ich noch etwas diese aseptische Stille um uns herum.
Operiere meinen Blick in die Landschaft,
treibe mit der Strömung.
Gerade fliesst mein Herzschlag vorbei,
schaue dem Augenblick hinterher.
Ich traue mich und nehme Platz.
In einem Leben, neben dir. Und den anderen.
Mittendrin, in der ersten Reihe.
Und sehe mich von weitem. Manchmal.
Reserviere mich, lehne mich an.
Irgendwann leben wir mit den Fischen in den Bäumen
und bewerfen uns mit den Bildern von heute,
erinnern uns, wie unerträglich diese Ruhe war.
Und sehnen uns danach bis wir untergehen
wie der blutrote Mond hinter den Wolken.
Auf die Plätze, fertig, los.

0219

Du schliesst meine Augen.
Ich sah einen Engel,
der ritt auf einem Esel aus Draht vorbei,
der hatte Nerven aus Stahl.
Ich lege mein Pflasterherz an seine Kette wie einen streunenden Hund,
der nicht mehr umherirren darf.
Der Sattel, er war eine Stütze in all den Jahren.
Im Korb geben waren die Anderen nie schlechter
und im Sommer lauerte der Wolf am Erdbeerfeld. 
Im Vorbeifahren hatte die Großmutter nicht selten grosse Augen,
abends habe ich ihre Kittelschürze beweint.
Der Schulweg fand immer vor der Schule statt,
zu Fuss kam ich mir vor, als wären wir doch keine Helden.
Hinterher ist der Schlaue um einiges gescheiter.
Schnell noch den Gepäckträger verkauft und den Akku aufgeladen,
die drei Bar auf den Venen geben Dir Rückenwind,
auch wenn es meist nur bergauf geht.
Im Fluss baden die Pedale, die Füsse auf dem Lenker
und der Fahrtwind zerstört jegliche Kommunikation
und wenn wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit getrennt haben voneinander,
den guten und den schlechten Jahren.
Dann tanzen wir am Vorabend noch einen letzten Reigen
und anschliessend geht die Welle über Bord.
Nach einer Weile ist die Perforation des Alters in Deinem Gesicht zu erkennen.
Meins wende ich ab, schraube mir eine Klingel ans Ohr
und warte darauf, dass irgendetwas passiert.

0218

Deine Laktoseintoleranz hat uns in den Ruin getrieben,
uns vor die Tür gejagt, die Insolvenz ins Haus gefegt.
Den Kuckuck auf das Sofa geklebt.
Nun sind wir Zaunkönige in einem sehr kleinen Königreich,
schauen den Nachbarn beim nachbarschaftlichen Verhältnis zu,
kehren vor unserem eigenen Heim den Dreck hin und her.
Sind zugleich Hofnarr und die vom Henker Gerichteten,
am Galgenbaum baumelt unsere Hoffnung
und beim nächsten Wind werden Köpfe rollen.
Gnadenbrot vor Knäckebrot.
Dort, wo einst der Überdruss den Überfluss regierte,
lauert jetzt eine zugige Ecke, die mich in sich hineinzieht.
Blau wie der Enzian sind sowohl die Wände als auch Deine Augen
und lassen mich sekundenlang vergessen.
Ich verwerte meine Gedanken neu.
Sollte mich der Regen mal wieder an die Löcher im Kopf erinnern,
umarme ich den nächsten Baum,
stelle das Nägelkauen ein
und bediene die Tastatur meiner Gefühle.

0217

Neptun wirft in hohem Bogen seinen Anker in die Lichtung,
euphorisch phallustiert die Phantasie eine Bedrohung.
Als Metapher dient diese Tanzparade
und eine Überdosis Testosteron lässt den Knüppel aus dem Sack.
In verlässlicher Verlegenheit erregt sich das öffentliche Ärgernis
und ein Überschuss führt zu einem Überdruss an Männlichkeit.
Kommt ein Hochmütiger doch zu Fall
oder saugt ein Vampir der Überheblichkeit an den hauseigenen Zweifeln
und lässt die Unvernunft siegen.
Leere füllt sich mit Vakuum,
Blicke gehen geschlagen zu Boden.
In jedem Anfänger wohnt ein Irrer,
der auf der Suche nach dem Déjà-vu ist,
das ihn an sich selbst erinnert.

0216

Ich ziehe mir das Fell bis hinter die Ohren.
Trage der Schritte so viele in mir,
ein Tanz auf dem weißem Parkett läßt dem Winter den Atem gefrieren
und könnte Schnee bei Kälte schmelzen. Er würde es tun.
Auf einem Huf kann man schlecht stehen,
der Ordnung halber bin ich zu faul zum suchen
und sortiere das Quartett schon bei Tagesanbruch.
Die Schönheit, sie liegt im Detail und da bin ich immer gerne dabei.
Jetzt staune ich noch ein wenig und ganz am Schluss,
das Ende ist schon lange vorbei,
frisiert mich  ein scharfer Wind,
danach muß ich weiterziehen.
Stolpere durch das Unterholz meiner Vergangenheit,
meine Wege haben keine Ziele.