0229

Wenn ich Dich von hier aus betrachte, sehe ich so viele Leben.
Und alle wollen sie gelebt werden.
Ein Rätsel. Oder zwei.
Zahllose Träume. So viele Fragen.
Ein Puzzle, das sich aus den Antworten zusammen setzt.
Aus Mangel an Beweisen.
Eine Landschaft. Ich wandere durch die Zwischenräume.
Verliere mich in den Spiegeln meiner Betrachter.
Versöhne mich mit dem Argwohn meiner Kritiker.
Verliebe mich unter Umständen in mein Leben,
verbiete mir mein Schweigen nicht und laufe barfuss über kaltes Licht.

0228

Wir sind das Chaos.
Wir sind das Echo.
Wir sind eine Wiederholung und doch ist es völlig anders.
Wir sind das Ende und finden immer wieder zum Anfang zurück.
Wir sind berühmt, wir sind unbesiegbar.
Wir sind berüchtigt, wir sind laut.
Wir sind der Quell des Ursprungs, wir sind mittendrin.
Und wenn Dein Blut durch meine Adern fliesst, ist die Liebe nur eine Metapher für Vertrauen.
Ist Nähe nur ein Wort, das mit uns spielt.
Ich tauche ein in uns, führe die Verwirrung ins Abseits und finde mich auf der Überholspur wieder.
Neben Dir.

0227

Immer wenn ich die Sterne sehe, fühle ich mich bunt.
Dann verschenke ich mich und bin der Architekt des Lichts.
Ich pflücke Dir im Universum einen Strauss roter Rosen,  
eine stecke ich mir ans Revers. 
In einem anderen ist die Träne ein Knopfloch.

0226

Wer bist Du. 
Du hast so viele Gesichter und versteckst Dich hinter ihnen,
wann zeigst Du Dich.
Kann ich Dir jemals wieder vertrauen.
Irgendwann verstehe ich Dich vielleicht,
so lange spaltet sich vier Augen tief Dein Geheimnis.
Du wäscht mit Deinen Gefühlen die Herzen rein
und rasierst nebenbei meine Hoffnung ab,
wie ein frisch gewachsener Rasen an einem frühen Aprilmorgen.
Wenn der Frost noch alle Glieder in seinem Besitz hat
und die Lauer sich hingelegt, um abzuwarten.
Sich die Ungeduld in Geduld üben muss,
die Sonne vergessen hat, unsere Herzen zu gießen
und ich in einem Schloss aus Demut
mit Glas um mich werfe, bis die Blicke platzen.
Wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte,
so würde ich diese Stille mit einem Schuss erledigen
und mich in Deinem Schoss betten.
Doch ist der Raum zu klein für uns, ich fische mich heraus,
hinter mir der Himmel und darüber das Meer.

0225

Du kannst Dir selbst kaum das Wasser reichen,
der Schatten steht Dir bis zum Hals und Kummer bist Du gewohnt.
Irrst wie ein Tollpatsch durchs Leben,
es knackt die Thrombose zu jeder Zeit
und Deine Meinungsfreiheit steht auf der Gästeliste.
Zeitgleich verschenkst Du Deinen Händedruck.
Wärst Du ein Vogel, die Flügel ins Dreieck gespannt.
Wärst Du ein Frosch, wir betreten neue Wege.
Wärst du ein Ei, wer weiss, wie lange hälst Du das aus.
Wärst du ein Gefangener, hauteng schnürt das Kleid. Das kleine Schwarze.
Wärst Du ein Mensch, Du traust dich was.
Beatmest in einem fort Deine Kritiker. Ohne Luft zu holen.
Wärst Du eine Raute, würdest du Dir parallel im Winkel gegenüber liegen
und wärst im Diagonalen symmetrisch.
Später erkennst Du, es ist die Achse, um die sich alles dreht.
Unbefugten ist das Bestaunen bis auf Weiteres nicht gestattet.

0224

Wir sind neugierig.
Wir kapern alle Geheimnisse, die Wahrheit ist die Mutter des Vertrauens.
Wir wringen uns die Augen aus, der Zahn schlägt seine Zeiten in unsere Köpfe.
Wir drucken die Lügen der einen in die Gesichter der anderen.
Wir glauben und wir beten, Hoffnung ist eine wilde Horde ängstlicher Gespenster.
Wir projektieren, wir kopieren.
Wir kapern fremde Leben und füllen leere Gefässe mit gestohlenen Momenten.
Wir ziehen und wir zerren, wir stolpern und wir schreien.
Wir kleben in unserer Haut und wir möchten oft genug aus ihr heraus.
Wir klagen und wir weinen, die Trauer ist ein enger Kloss, den es zu schlucken gilt.
Wir lachen, wir vergessen. Weil wir vergessen wollen.
Wir lieben und wir konsumieren. Die Sucht ist eine gnadenlose Göttin, die uns verfolgt.
Wir reisen und wir denken, wir reden und wir versprechen. Oft verstehen wir nicht.
Wir schlafen, wir atmen. Die Luft ist ein flüchtiger Bekannter, den man achten sollte.
Wir sind süchtig nach unseren Gedanken, wir laufen ihnen davon.
Wir sind nüchtern, wir sind langweilig und langstielig. 
Wir sind überheblich, wir bestimmen die Länge einer Sekunde.
Wir sind vermessen, wir unterdrücken und wir ergeben uns.
Wir sind schlau. Wir sind voller Gefühl. Und doch übersehen wir uns ständig. 
Wir sind wie wir sind. Wir sind viele Blätter. Und das Blatt wendet sich.

0223

Ich weiß nicht ob Du dich erinnerst.
Als wir noch zusammen waren, wie aus einem Stück gegossen.
In Gedanken, der Raum in zwei weite Hälften geteilt.
So schaue ich Dir hinterher, wenn Du Deinen letzten Weg gehst.
So einen bist Du noch nie gegangen. Von dort ist keiner heimgekehrt.
Denn Heimat ist dort, wo es nach Erinnerungen riecht. 
Wo man Dich grüsst, wenn Du es nicht erwarten würdest. 
Wo man nach Dir fragt, wenn sich keiner mehr zu fragen traut.
Wo man Dir auch nach Mitternacht noch die Türen aufhält.
Wo man sich nach Dir sehnt, kurz nach einem letzten Wiedersehen.
Wo man Dir eine Träne nachweint, obwohl es keine Tränen mehr gibt.
Wo man für Dich sterben, wo man für Dich zum Mörder werden würde.
Wo man an Deinem Schatten sehen kann, wie es Dir geht.
Wo man Dich nicht aufgibt.
Wo Dich jeder am Klang Deiner Stimme, am Lachen erkennt.
Wo man Dich immer wieder trifft, obwohl es Dich nicht mehr gibt. 
Nur Dein Wille geschieht.

0222

Drei Käse hoch stapelt sich die Feuerkraft
und am Steuerrad lauter Kapitäne,
der Wind setzt seine Segel.
Am Wegesrand lagern leere Frachträume,
als Resonanzkörper getarnt und am liebsten ist man unter sich.
Der blinde Passagier sieht den Trittbrettfahrer nicht,
von hier an bleiben alle Scheiben beschlagen,
das Aroma einer zufälligen Begegnung belebt den Gaumen.
Voller Harmonie recken die üblichen Verdächtigen ihre Hälse,
der Waffenstillstand wird neu verhandelt
und unter den Nägeln brennt eine Neugierde,
die selbst Vorhänge entzünden kann.
Man sagt, vom Regen in die Taufe.
Obwohl die letzte Fahrt auch eine schöne Reise sein kann,
vom Aroma her eher rauchig,  
hat man am Ende des Tages immer noch den Duft seiner Bewegungen in sich,
die Qual der Entscheidungen.
Gerade die, die nicht getroffen wurden.
Zu den Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

0221

Du sprühst vor Energie.
Wer sich traut, das Licht zu hobeln, der wird feuertrunken auferstehen.
Und doch entzündet sich an den Funken die Freude der Götter,
ein bunter Blumenstrauss wird durch die Nacht gereicht,
ich grabe ihm hinterher und greife als Mittel zur Flucht.
Vergesslichkeit zersiebt den Blick,
bunt tanzen die Glaswürmer auf meiner Nase herum.
Eine Augenweide.
Die Buschtrommeln verbreiten sich wie ein Lauffeuer,
ein Täuschungsmanöver, bei dem die Wahrheit auf einer Achse ruht.
Daraus entbrennt eine Motivation, deren Ursprung sich am Rand einer Gesellschaft spiegelt.
Ich fische mir noch ein gutes Dutzend Glasstäbe aus der Nacht
und steige durch die Hintertür in meine Träume.

0220

Du bist völlig aus dem Häuschen,
obwohl der Platzwart meint,
dass es uns an schönen Plätzchen nie gemangelt hat.
Ich flehe dich an, in der Natur der Dinge liegt auch eine gewisse Natürlichkeit.
Bevor wir hier einen Platzverweis bekommen,
geniesse ich noch etwas diese aseptische Stille um uns herum.
Operiere meinen Blick in die Landschaft,
treibe mit der Strömung.
Gerade fliesst mein Herzschlag vorbei,
schaue dem Augenblick hinterher.
Ich traue mich und nehme Platz.
In einem Leben, neben dir. Und den anderen.
Mittendrin, in der ersten Reihe.
Und sehe mich von weitem. Manchmal.
Reserviere mich, lehne mich an.
Irgendwann leben wir mit den Fischen in den Bäumen
und bewerfen uns mit den Bildern von heute,
erinnern uns, wie unerträglich diese Ruhe war.
Und sehnen uns danach bis wir untergehen
wie der blutrote Mond hinter den Wolken.
Auf die Plätze, fertig, los.